Einleitung: Die Vielfalt der EU-Förderung als Chance und Herausforderung
Die Europäische Union stellt in der laufenden Förderperiode 2021-2027 über 1 Billion Euro für verschiedene Programme bereit. Für deutsche Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen bietet sich damit eine außergewöhnliche Chance, innovative Projekte zu realisieren und sich international zu vernetzen. Doch genau diese Vielfalt stellt viele Antragsteller vor eine zentrale Frage: Welches Förderprogramm passt überhaupt zu meinem Vorhaben?
Die Wahl des richtigen EU-Förderprogramms ist entscheidend für den Erfolg Ihrer Antragstellung. Ein hervorragendes Projekt kann abgelehnt werden, wenn es beim falschen Programm eingereicht wird – nicht weil die Idee schlecht ist, sondern weil sie nicht zu den spezifischen Zielsetzungen des Programms passt. Gleichzeitig kann die richtige Programmwahl Ihre Erfolgsaussichten erheblich steigern und Ihnen Zugang zu einem passenden Netzwerk und zusätzlichen Ressourcen verschaffen.
Dieser Artikel gibt Ihnen einen strukturierten Überblick über die wichtigsten EU-Förderprogramme und hilft Ihnen, das passende Programm für Ihr Projekt zu identifizieren. Wir beleuchten die Kerncharakteristika von Horizon Europe, LIFE, Digital Europe Programme, Erasmus+ und weiteren relevanten Förderinitiativen und zeigen Ihnen anhand konkreter Beispiele, welches Programm für welche Projektkategorie geeignet ist.
Die wichtigsten EU-Förderprogramme im Überblick
Bevor Sie sich für ein Programm entscheiden, sollten Sie die grundlegenden Unterschiede zwischen den wichtigsten Förderlinien verstehen. Jedes Programm hat eine spezifische Mission und richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen.
Horizon Europe (95,5 Milliarden Euro) ist das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation. Es ist das größte transnationale Forschungs- und Innovationsprogramm weltweit und fördert Projekte von der Grundlagenforschung bis zur Markteinführung. Das Programm gliedert sich in drei Säulen: Wissenschaftsexzellenz, Globale Herausforderungen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit sowie Innovatives Europa. Horizon Europe eignet sich besonders für Forschungseinrichtungen, innovative KMU und technologieorientierte Unternehmen, die an der Spitze der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung arbeiten. Seit 2025 wurden die Missionen gestärkt, insbesondere in den Bereichen Klimaneutralität, Krebsbekämpfung und intelligente Städte.
LIFE Programm (5,4 Milliarden Euro) konzentriert sich auf Umwelt- und Klimaschutz. Es ist das einzige EU-Programm, das ausschließlich Umweltziele verfolgt. LIFE unterstützt Projekte in den Bereichen Naturschutz, Biodiversität, Kreislaufwirtschaft, Klimawandelanpassung und Klimaschutz. Das Programm richtet sich an öffentliche und private Organisationen, die konkrete Umwelt- und Klimaschutzlösungen implementieren möchten. Im Gegensatz zu Horizon Europe liegt der Fokus auf der praktischen Umsetzung und Demonstration bewährter Ansätze. Ab 2026 liegt ein verstärkter Schwerpunkt auf Naturwiederherstellung gemäß der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur.
Digital Europe Programme (7,5 Milliarden Euro) ist gezielt auf die digitale Transformation ausgerichtet. Es fördert Investitionen in Supercomputing, Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, fortgeschrittene digitale Kompetenzen und den breiten Einsatz digitaler Technologien in Wirtschaft und Gesellschaft. Das Programm unterscheidet sich von Horizon Europe durch seinen stärkeren Fokus auf die Anwendung und Verbreitung bereits entwickelter Technologien. Es eignet sich besonders für KMU und öffentliche Einrichtungen, die digitale Lösungen implementieren oder skalieren möchten. Die European Digital Innovation Hubs (EDIHs) spielen dabei eine zentrale Rolle als regionale Anlaufstellen.
Erasmus+ (26,2 Milliarden Euro) fördert Bildung, Ausbildung, Jugend und Sport. Das Programm ermöglicht Lernmobilität, strategische Partnerschaften und Kapazitätsaufbau im Bildungssektor. Erasmus+ richtet sich an Bildungseinrichtungen, Unternehmen (im Bereich berufliche Bildung), Jugendorganisationen und Sportvereine. Es eignet sich ideal für Projekte, die Kompetenzentwicklung, internationalen Austausch und innovative Lernmethoden in den Mittelpunkt stellen. Seit 2024 wurden digitale und grüne Kompetenzen als Querschnittsprioritäten weiter gestärkt.
Weitere relevante Programme: Der Europäische Fonds for regionale Entwicklung (EFRE) und der Europäische Sozialfonds Plus (ESF+) werden über regionale und nationale Programme verwaltet und fördern die wirtschaftliche Entwicklung und soziale Integration in den Regionen. Das Programm für den Binnenmarkt unterstützt KMU beim Zugang zu Märkten und Finanzierung. Creative Europe fördert den Kultur- und Kreativsektor mit besonderem Fokus auf digitale Innovation und grüne Transformation.
Entscheidungskriterien: Welches Programm passt zu Ihrem Projekt?
Die Auswahl des richtigen Förderprogramms sollte anhand mehrerer Kriterien erfolgen. Im Folgenden stellen wir Ihnen die wichtigsten Entscheidungsdimensionen vor.
Thematischer Fokus: Dies ist das wichtigste Auswahlkriterium. Fragen Sie sich: Was ist das Hauptziel meines Projekts? Wenn Sie beispielsweise eine neue Technologie zur CO2-Reduktion entwickeln möchten, könnte sowohl Horizon Europe (Cluster "Klima, Energie und Mobilität") als auch LIFE (Teilprogramm "Klimaschutz") in Frage kommen. Der entscheidende Unterschied liegt im Reifegrad: Horizon Europe fördert die Forschung und Entwicklung innovativer Lösungen (TRL 1-8), während LIFE die Demonstration und Verbreitung bereits erprobter Ansätze unterstützt (TRL 6-9).
Technologischer Reifegrad (TRL): Der Technology Readiness Level ist ein entscheidendes Kriterium, besonders bei technologieorientierten Projekten. Bei Horizon Europe variiert der geforderte TRL je nach Instrument: ERC Grants und Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen zielen auf Grundlagenforschung (TRL 1-3), während der European Innovation Council (EIC) disruptive Innovationen bis zur Marktreife fördert (TRL 5-9). Das Digital Europe Programme setzt in der Regel mindestens TRL 7-8 voraus, da es um die Einführung und Skalierung geht.
Organisationstyp und Partnerschaft: Verschiedene Programme haben unterschiedliche Anforderungen an die Konsortialstruktur. Horizon Europe erfordert typischerweise Konsortien aus mindestens drei Partnern aus drei verschiedenen Mitgliedstaaten oder assoziierten Ländern. LIFE akzeptiert auch Einzelantragsteller, bevorzugt aber Partnerschaften. Das Digital Europe Programme fördert häufig über European Digital Innovation Hubs, was eine Einbindung in bestehende Strukturen voraussetzt. Erasmus+ ermöglicht sowohl individuelle Mobilität als auch strategische Partnerschaften mit spezifischen Anforderungen an Anzahl und Art der Partner.
Projektgröße und Budget: Die durchschnittlichen Projektgrößen variieren erheblich zwischen den Programmen. Horizon Europe Projekte haben oft Budgets von mehreren Millionen Euro und Laufzeiten von drei bis fünf Jahren. LIFE-Projekte liegen typischerweise zwischen 1 und 10 Millionen Euro. Digital Europe Programme fördert sowohl kleinere Implementierungsprojekte als auch großangelegte Infrastrukturprojekte. Erasmus+ bietet sowohl Kleinprojekte (ab 30.000 Euro) als auch umfangreiche Kooperationsprojekte. Überlegen Sie realistisch, welches Projektvolumen Sie managen können und benötigen.
Förderquote: Die Höhe der Förderung unterscheidet sich deutlich. Horizon Europe fördert üblicherweise bis zu 100% der förderfähigen Kosten für gemeinnützige Einrichtungen und 70% für gewinnorientierte Unternehmen (mit Ausnahmen bis zu 100% bei bestimmten Instrumenten). LIFE kofinanziert in der Regel 60% der Projektkosten (bis zu 75% bei Naturprojekten). Digital Europe Programme variiert je nach Ausschreibung, liegt aber häufig bei 50-75%. Diese Eigenanteile müssen Sie sicher finanzieren können.
Praxisbeispiele: Welches Programm für welches Projekt?
Um die Unterschiede zu verdeutlichen, betrachten wir konkrete Projektszenarien aus der Praxis.
Beispiel 1: KI-basiertes System zur Präzisionslandwirtschaft
Ein mittelständisches Technologieunternehmen möchte ein KI-System entwickeln, das mithilfe von Satellitendaten und Sensoren die Ressourceneffizienz in der Landwirtschaft optimiert. Das Projekt befindet sich in der angewandten Forschung (TRL 3-4).
Empfehlung: Horizon Europe – Cluster 6 "Lebensmittel, Bioökonomie, natürliche Ressourcen, Landwirtschaft und Umwelt". Die Kombination aus KI-Innovation und nachhaltiger Landwirtschaft passt perfekt zu diesem Cluster. Das Unternehmen sollte ein Konsortium mit Universitäten (KI-Expertise), Forschungseinrichtungen (Agrarwissenschaften) und landwirtschaftlichen Partnern bilden. Alternative bei höherem TRL (7-8): EIC Transition für die Vorbereitung der Markteinführung.
Beispiel 2: Renaturierung von Flussökosystemen mit Modellcharakter
Eine Naturschutzorganisation plant die umfassende Renaturierung degradierter Flussabschnitte und möchte die entwickelten Methoden auf andere europäische Regionen übertragen.
Empfehlung: LIFE Programm – Teilbereich "Natur und Biodiversität". LIFE ist speziell für solche Best-Practice-Projekte konzipiert. Der Fokus auf Demonstration, Replikation und Wissenstransfer entspricht genau den LIFE-Zielen. Das Projekt kann auch als Einzelantragsteller eingereicht werden, sollte aber regionale Behörden und Stakeholder einbinden. Besonders relevant im Kontext der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur.
Beispiel 3: Einführung einer KI-basierten Cybersicherheitslösung für KMU
Ein IT-Dienstleister möchte eine bereits entwickelte KI-gestützte Cybersicherheitslösung (TRL 8) für KMU in mehreren europäischen Regionen ausrollen und an sektorspezifische Bedürfnisse anpassen.
Empfehlung: Digital Europe Programme – Work Programme "Cybersecurity". Da die Technologie bereits entwickelt ist und es um Deployment und Skalierung geht, ist Digital Europe ideal. Der Antragsteller sollte mit European Digital Innovation Hubs zusammenarbeiten, die als Multiplikatoren fungieren und KMU bei der Einführung unterstützen. Horizon Europe wäre hier nicht geeignet, da keine Forschung mehr stattfindet.
Beispiel 4: Entwicklung von Ausbildungsprogrammen für grüne und digitale Berufe
Eine Berufsschule möchte gemeinsam mit Partnern in vier Ländern innovative Ausbildungsprogramme für den Twin Transition (grün und digital) entwickeln und Lehrer-Austauschprogramme etablieren.
Empfehlung: Erasmus+ – Kooperationspartnerschaften in der beruflichen Bildung. Das Programm fördert sowohl die Entwicklung innovativer Curricula als auch die Mobilität von Lernenden und Lehrenden. Die Mindestanzahl von drei Partnern aus drei Ländern ist erfüllt. Die Förderquote ist hoch, und das Projekt adressiert die Prioritäten "grüne Kompetenzen" und "digitale Kompetenzen".
Beispiel 5: Skalierung einer Kreislaufwirtschaftslösung für Kunststoffrecycling
Ein KMU hat ein innovatives Verfahren zum chemischen Recycling von Mischkunststoffen entwickelt (TRL 7) und möchte eine Demonstrationsanlage in industriellem Maßstab bauen und die Marktfähigkeit nachweisen.
Empfehlung: Je nach Schwerpunkt sind mehrere Programme möglich. Für die technische Demonstration und Pilotierung: Horizon Europe – Cluster 4 "Digitalisierung, Industrie und Raumfahrt" oder Cluster 6 (Kreislaufwirtschaft). Für die Markteinführung einer disruptiven Innovation: EIC Accelerator (mit möglicher Eigenkapitalfinanzierung). Für die breite Implementierung in Kooperation mit der Industrie und öffentlichen Stellen: LIFE Programm – Teilbereich "Kreislaufwirtschaft und Lebensqualität". Die Entscheidung hängt davon ab, ob der Fokus auf technischer Weiterentwicklung (Horizon), Kommerzialisierung (EIC) oder Replikation (LIFE) liegt.
Spezielle Förderinstrumente und ihre Eignung
Innerhalb der großen Programme gibt es spezialisierte Instrumente, die für bestimmte Projektkategorien und Organisationstypen besonders relevant sind.
ERC Grants (European Research Council): Diese hochkompetitiven Grants innerhalb von Horizon Europe richten sich ausschließlich an herausragende Einzelforscher und fördern Pionierforschung ohne thematische Einschränkungen. Sie sind ideal für ambitionierte Grundlagenforschungsprojekte mit hohem Risiko und potentiell transformativer Wirkung. Die Erfolgsquote liegt bei etwa 13-16%, die Förderung ist exzellent (1,5 bis 2,5 Millionen Euro für Starting Grants, bis 3,5 Millionen Euro für Consolidator Grants).
EIC Accelerator: Dieses Instrument unterstützt einzelne KMU und Start-ups (kein Konsortium erforderlich!) bei der Entwicklung und Markteinführung von Durchbruchinnovationen. Das Besondere: Die Förderung kombiniert Zuschüsse (bis 2,5 Millionen Euro) mit optionaler Eigenkapitalfinanzierung (bis 15 Millionen Euro). Der EIC Accelerator ist hochselektiv (Erfolgsquote unter 5%) und eignet sich für Unternehmen mit skalierbaren, disruptiven Innovationen, die europäische oder globale Märkte adressieren. Ab 2025 wurden die Bewertungsverfahren weiter standardisiert.
MSCA (Marie Skłodowska-Curie Actions): Diese Horizon Europe Maßnahmen fokussieren auf Forscherausbildung und -mobilität. Sie eignen sich hervorragend für Doktorandenprogramme, Post-Doc-Fellowships und Personalaustausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. MSCA ist ideal, wenn Ihr Hauptziel die Kompetenzentwicklung von Forschenden ist und hat vergleichsweise hohe Erfolgsquoten (20-25%).
LIFE Strategic Integrated Projects (SIPs) und Strategic Nature Projects (SNAPs): Diese großangelegten LIFE-Projekte (typischerweise 10-20 Millionen Euro) zielen auf die Implementierung umfassender Umwelt- oder Naturschutzstrategien auf regionaler oder nationaler Ebene. Sie koordinieren verschiedene Finanzierungsquellen und Stakeholder. SIPs und SNAPs eignen sich für öffentliche Behörden und große Organisationen mit strategischer Reichweite und Zugang zu Ko-Finanzierungspartnern.
European Digital Innovation Hubs (EDIHs): Diese im Rahmen des Digital Europe Programme geförderten regionalen Zentren helfen Unternehmen, besonders KMU, bei der digitalen Transformation. Wenn Ihr Projekt die Unterstützung lokaler Unternehmen bei der Einführung digitaler Technologien zum Ziel hat, sollten Sie mit einem EDIH zusammenarbeiten. Eine direkte Förderung neuer EDIHs erfolgte in der ersten Auswahlrunde 2022; aktuelle Calls konzentrieren sich auf Dienstleistungen über bestehende Hubs.
Häufige Fehler bei der Programmauswahl und wie Sie sie vermeiden
Aus der Beratungspraxis kennen wir typische Stolpersteine bei der Wahl des richtigen Förderprogramms.
Fehler 1: Programm nach Budget statt nach Passung wählen
Viele Antragsteller orientieren sich primär an der Höhe der verfügbaren Förderung und versuchen, ihr Projekt an das größte Programm anzupassen. Das führt regelmäßig zu Ablehnungen. Wählen Sie immer zuerst nach inhaltlicher Passung, dann nach Finanzierung. Ein kleineres, aber passgenau gefördertes Projekt hat bessere Erfolgsaussichten als ein künstlich aufgeblähtes Vorhaben beim falschen Programm.
Fehler 2: TRL-Level falsch einschätzen
Eine realistische Einschätzung des technologischen Reifegrads ist essentiell. Viele Antragsteller überschätzen den TRL ihres Projekts und bewerben sich bei Programmen, die bereits höhere Reifegrade voraussetzen. Nutzen Sie die offiziellen TRL-Definitionen der EU-Kommission und seien Sie ehrlich bei der Selbsteinschätzung. Evaluatoren erkennen Diskrepanzen sofort.
Fehler 3: Aktuelle Prioritäten ignorieren
EU-Programme haben jährlich wechselnde Schwerpunkte. Die Work Programmes und Ausschreibungstexte müssen sorgfältig studiert werden. Für 2026 sind besonders relevant: Twin Transition (grün und digital), technologische Souveränität Europas, Resilienz kritischer Infrastrukturen, Biodiversität und Naturwiederherstellung sowie Reaktionen auf geopolitische Herausforderungen. Projekte, die diese Prioritäten adressieren, haben strukturelle Vorteile bei der Bewertung.
Fehler 4: Nationale Fördermöglichkeiten übersehen
Manchmal ist ein nationales oder regionales Programm besser geeignet als ein EU-Programm. Deutsche Förderprogramme wie das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) oder themenspezifische BMBF-Förderungen haben oft geringere administrative Hürden und können schneller bewilligt werden. EU-Förderung ist am sinnvollsten, wenn die europäische Dimension (transnationale Zusammenarbeit, europaweite Verbreitung, Beitrag zu EU-Politikzielen) wirklich zentral für Ihr Projekt ist.
Fehler 5: Zeitplanung unterschätzen
Die verschiedenen Programme haben unterschiedliche Vorlaufzeiten. Von der Idee bis zur Bewilligung vergehen bei Horizon Europe typischerweise 12-18 Monate, bei LIFE ähnlich. Erasmus+ ist etwas schneller (8-12 Monate). Planen Sie ausreichend Zeit für Partnerfindung, Proposal-Entwicklung, Einreichung und Bewertungsprozess ein. Wenn Sie Ihr Projekt kurzfristig starten müssen, sind EU-Programme möglicherweise nicht der richtige Weg.
Der Weg zur Entscheidung: Systematische Programmauswahl
Wie gehen Sie nun konkret vor, um das passende Programm zu identifizieren? Wir empfehlen einen systematischen Ansatz in mehreren Schritten.
Schritt 1: Projektprofil erstellen
Dokumentieren Sie zunächst die Kerncharakteristika Ihres Projekts: Hauptziel, thematischer Bereich, technologischer Reifegrad, benötigte Partner, geplante Laufzeit, Budgetrahmen, erwartete Ergebnisse und Impact. Seien Sie dabei so spezifisch wie möglich. Diese Analyse bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte.
Schritt 2: Vorauswahl treffen
Gleichen Sie Ihr Projektprofil mit den grundlegenden Zielen der großen Programme ab. Reduzieren Sie die Auswahl auf 2-3 Programme, die potentiell passen könnten. Nutzen Sie dafür die offiziellen Programmbeschreibungen auf den EU-Webseiten oder das Funding & Tender Opportunities Portal der EU-Kommission.
Schritt 3: Work Programmes studieren
Lesen Sie die aktuellen Work Programmes der ausgewählten Programme im Detail. Diese umfangreichen Dokumente beschreiben genau, welche Topics in den kommenden Ausschreibungen gefördert werden. Prüfen Sie, ob es ein Topic gibt, das präzise zu Ihrem Projekt passt. Achten Sie auf Schlüsselwörter, erwartete Outcomes, spezifische Anforderungen und erwartete TRL-Niveaus.
Schritt 4: Evaluationskriterien analysieren
Jedes Programm und jede Ausschreibung hat spezifische Evaluationskriterien (typischerweise Excellence, Impact, Implementation). Bewerten Sie realistisch, wie Ihr Projekt in diesen Dimensionen abschneiden würde. Wenn Sie bei einem Programm in allen Kriterien stark sind, ist dies ein gutes Zeichen. Schwächen in einem Kernkriterium sind oft disqualifizierend.
Schritt 5: Erfolgsstatistiken berücksichtigen
Die Erfolgsquoten variieren erheblich zwischen Programmen und Topics. Horizon Europe hat insgesamt eine Erfolgsquote von etwa 13-15%, bei manchen Topics liegt sie unter 5%, bei anderen über 25%. LIFE liegt bei etwa 15-25%, Erasmus+ deutlich höher (oft 30-50%). Informieren Sie sich über die historischen Erfolgsquoten Ihres Zielprogramms. Eine sehr niedrige Erfolgsquote bedeutet nicht, dass Sie es nicht versuchen sollten – aber Sie sollten die Konkurrenzsituation realistisch einschätzen.
Schritt 6: Nationale Kontaktstellen nutzen
Die Nationalen Kontaktstellen (NKS) für EU-Programme in Deutschland bieten kostenlose Beratung zur Programmauswahl. Vereinbaren Sie ein Beratungsgespräch, bevor Sie sich endgültig festlegen. Die NKS kennen die Programme im Detail und können Ihre Einschätzung validieren oder korrigieren. Dies ist einer der wertvollsten und meist unterschätzten Services.
Schritt 7: Mit erfolgreichen Projekten vergleichen
Recherchieren Sie geförderte Projekte im CORDIS-Portal (für Horizon Europe) oder den Projektdatenbanken anderer Programme. Vergleichen Sie deren Ansätze, Konsortien und Zielsetzungen mit Ihrem geplanten Projekt. Dies gibt Ihnen ein Gefühl dafür, was in Ihrem Zielbereich typischerweise gefördert wird und wie Sie Ihr Projekt positionieren sollten.
Fazit: Die richtige Wahl als Grundstein für Erfolg
Die Wahl des passenden EU-Förderprogramms ist keine triviale Entscheidung, sondern erfordert sorgfältige Analyse und strategisches Vorgehen. Die gute Nachricht: Die Zeit, die Sie in diese Entscheidung investieren, zahlt sich mehrfach aus. Ein zum Programm passendes Projekt hat nicht nur höhere Bewilligungschancen, sondern profitiert auch von einem passenden Netzwerk, geeigneten Evaluationskriterien und realistischen Förderkonditionen.
Für 2026 sind besonders die großen thematischen Programme Horizon Europe, LIFE, Digital Europe und Erasmus+ relevant. Ihre Wahl sollte primär von Ihrem Projektziel und dem technologischen Reifegrad geleitet sein. Horizon Europe ist ideal für Forschung und Innovation, LIFE für Umwelt- und Klimademonstrationen, Digital Europe für die Skalierung digitaler Lösungen und Erasmus+ für Bildungsinnovationen. Innerhalb dieser Programme gibt es spezialisierte Instrumente für unterschiedliche Organisationstypen und Projektkategorien.
Vermeiden Sie die häufigen Fehler der falschen TRL-Einschätzung und der Programmwahl nach Budget statt Passung. Nutzen Sie systematisch die verfügbaren Informationsquellen – von Work Programmes über Nationale Kontaktstellen bis zu Projektdatenbanken. Und vergessen Sie nicht: Manchmal ist ein nationales Programm oder eine Kombination aus EU- und nationaler Förderung der beste Weg.
Die europäische Förderlandschaft ist komplex, aber mit der richtigen Vorbereitung navigierbar. Wenn Sie unsicher sind, nutzen Sie professionelle Beratungsangebote. Die Investition in fundierte Programmauswahl ist minimal im Vergleich zum potentiellen Förderbetrag und den Kosten einer gescheiterten Antragstellung beim falschen Programm.
Checkliste: Systematische Programmauswahl in 10 Schritten
- Projektprofil definieren: Erstellen Sie eine Ein-Seiten-Zusammenfassung mit Ziel, Thema, TRL, benötigten Partnern und Budget
- Hauptziel identifizieren: Ist Ihr Fokus Forschung, Demonstration, Markteinführung, Bildung oder Kapazitätsaufbau?
- TRL realistisch einschätzen: Nutzen Sie offizielle EU-Definitionen und seien Sie ehrlich über den Entwicklungsstand
- Europäischen Mehrwert prüfen: Warum braucht Ihr Projekt transnationale Zusammenarbeit? Wenn nein, erwägen Sie nationale Förderung
- 2-3 Programme vorselektieren: Basierend auf Thema und TRL die passendsten Programme identifizieren
- Aktuelle Work Programmes lesen: Gibt es ein passendes Topic in der nächsten Ausschreibungsrunde?
- Konsortialanforderungen prüfen: Können Sie die erforderlichen Partner mobilisieren?
- Finanzierung sicherstellen: Können Sie den Eigenanteil und die Vorfinanzierung stemmen?
- Mit NKS beraten: Lassen Sie Ihre Einschätzung durch Experten validieren
- Erfolgreiche Projekte analysieren: Recherchieren Sie vergleichbare geförderte Projekte in Ihrem Zielbereich
Zusätzliche Ressourcen:
- Funding & Tenders Portal: zentrale EU-Plattform für alle Ausschreibungen (ec.europa.eu/info/funding-tenders)
- Nationale Kontaktstellen Deutschland: kostenlose Beratung zu allen EU-Programmen (eu-buero.de)
- CORDIS: Datenbank aller Horizon Europe und Vorgängerprogramm-Projekte (cordis.europa.eu)
- Teilnehmerleitfäden der einzelnen Programme: detaillierte Regeln und Anforderungen
- EU Missions Dashboard: Übersicht über die fünf EU-Missionen und zugehörige Projekte