Einleitung: Horizon Europe – Das Flaggschiff der europäischen Forschungsförderung
Horizon Europe ist mit einem Gesamtbudget von 95,5 Milliarden Euro das weltweit größte transnationale Forschungs- und Innovationsprogramm. Als Nachfolger von Horizon 2020 läuft es von 2021 bis 2027 und bietet deutschen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen beispiellose Möglichkeiten zur Finanzierung innovativer Projekte. Für viele potenzielle Antragsteller wirkt das Programm jedoch komplex und schwer zugänglich.
Dieser Leitfaden verschafft Ihnen einen strukturierten Überblick über Horizon Europe und zeigt auf, wie Sie als deutsches KMU, mittelständisches Unternehmen oder Forschungseinrichtung von diesem Programm profitieren können. Sie erfahren, wie Horizon Europe aufgebaut ist, welche Beteiligungsregeln gelten und welche konkreten Schritte Sie für eine erfolgreiche Antragstellung beachten sollten.
Die europäische Forschungsförderung hat sich bewährt: Deutsche Organisationen gehörten bereits bei Horizon 2020 zu den erfolgreichsten Antragstellern und erhielten über 10 Milliarden Euro Förderung. Mit dem richtigen Verständnis der Programmstruktur können auch Sie diese Erfolgsbilanz für Ihr Unternehmen oder Ihre Einrichtung nutzen.
Die drei Säulen von Horizon Europe: Struktur und Schwerpunkte
Horizon Europe basiert auf einer klaren Drei-Säulen-Struktur, die unterschiedliche Forschungs- und Innovationsbereiche abdeckt. Jede Säule verfolgt spezifische Ziele und richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen. Das Verständnis dieser Struktur ist entscheidend, um die richtige Förderlinie für Ihr Vorhaben zu identifizieren.
Säule 1: Wissenschaftsexzellenz (25,8 Milliarden Euro)
Diese Säule fördert wissenschaftliche Grundlagenforschung auf höchstem Niveau. Sie umfasst drei Hauptkomponenten: Der European Research Council (ERC) vergibt prestigeträchtige Grants an herausragende Einzelforscher. Die Marie Skłodowska-Curie Actions (MSCA) unterstützen die Mobilität und Ausbildung von Forschenden. Die Forschungsinfrastrukturen ermöglichen Zugang zu europaweiten Spitzeneinrichtungen.
Für deutsche Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie Max-Planck-Institute, Fraunhofer-Gesellschaft oder Helmholtz-Zentren ist diese Säule besonders relevant. KMU profitieren indirekt durch Kooperationen mit diesen Einrichtungen oder durch die Rekrutierung hochqualifizierter MSCA-geförderter Wissenschaftler.
Säule 2: Globale Herausforderungen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit (53,5 Milliarden Euro)
Diese größte Säule ist für Unternehmen und anwendungsorientierte Forschung von zentraler Bedeutung. Sie gliedert sich in sechs thematische Cluster:
- Gesundheit: Medizintechnik, Pharmaforschung, digitale Gesundheitslösungen
- Kultur, Kreativität und inklusive Gesellschaft: Soziale Innovation, Kulturerbe
- Zivile Sicherheit für die Gesellschaft: Cybersicherheit, Katastrophenschutz
- Digitalisierung, Industrie und Raumfahrt: KI, Robotik, fortgeschrittene Fertigung
- Klima, Energie und Mobilität: Erneuerbare Energien, nachhaltige Verkehrslösungen
- Lebensmittel, Bioökonomie, natürliche Ressourcen, Landwirtschaft und Umwelt
Ein mittelständisches Maschinenbauunternehmen aus Baden-Württemberg könnte beispielsweise im Cluster "Digitalisierung, Industrie und Raumfahrt" ein Projekt zur KI-gestützten Produktionsoptimierung einreichen. Ein Berliner Start-up im Gesundheitsbereich könnte innovative Telemedizin-Lösungen im Gesundheitscluster entwickeln.
Säule 3: Innovatives Europa (13,6 Milliarden Euro)
Diese Säule fokussiert auf marktnahe Innovation und ist besonders für KMU konzipiert. Der European Innovation Council (EIC) bietet verschiedene Instrumente: Der EIC Pathfinder fördert Hochrisiko-Grundlagenforschung, der EIC Transition unterstützt die Validierung von Technologien, und der EIC Accelerator kombiniert Zuschüsse mit Eigenkapitalfinanzierung für bahnbrechende Innovationen.
Deutsche Start-ups und innovative KMU haben hier ausgezeichnete Chancen: Der EIC Accelerator kann bis zu 2,5 Millionen Euro Zuschuss plus bis zu 15 Millionen Euro Eigenkapital bereitstellen. Ein Münchner Quantencomputing-Start-up oder ein Hamburger Unternehmen für nachhaltige Verpackungen könnten typische Begünstigte sein.
Ergänzt werden die drei Säulen durch die Programmkategorie "Verbreiterung der Beteiligung und Stärkung des Europäischen Forschungsraums" mit 3,3 Milliarden Euro, die besonders Regionen mit Forschungs- und Innovationsrückstand unterstützt.
Beteiligungsregeln: Wer kann teilnehmen und unter welchen Bedingungen?
Förderberechtigte Organisationen
Horizon Europe steht einer breiten Palette von Akteuren offen. Antragsberechtigt sind grundsätzlich juristische Personen aus EU-Mitgliedstaaten und assoziierten Ländern. Dazu gehören Unternehmen jeder Größe – von Start-ups über KMU bis zu Großkonzernen – sowie Universitäten, Forschungseinrichtungen, öffentliche Einrichtungen, NGOs und Verbände.
Deutschland als EU-Mitgliedstaat profitiert von voller Teilnahmeberechtigung. Wichtig zu wissen: Auch Organisationen aus Drittstaaten können unter bestimmten Bedingungen teilnehmen, erhalten aber nicht immer Fördermittel. Schweizer Organisationen beispielsweise können nach der Wiederassoziierung der Schweiz seit Januar 2024 wieder vollständig teilnehmen.
Konsortialanforderungen
Die meisten Horizon Europe-Projekte erfordern transnationale Konsortien. Die Standardregel lautet: mindestens drei unabhängige Rechtsträger aus drei verschiedenen EU-Mitgliedstaaten oder assoziierten Ländern. Dies fördert die europäische Zusammenarbeit und den Wissenstransfer über Grenzen hinweg.
Für ein deutsches Unternehmen bedeutet dies konkret: Sie benötigen Partner aus mindestens zwei weiteren Ländern. Ein Beispiel: Ein Softwareunternehmen aus München könnte mit einem französischen Forschungsinstitut und einem niederländischen KMU zusammenarbeiten, um eine KI-basierte Plattform zu entwickeln. Die Partnersuche erfolgt oft über EU-Partnersuchplattformen, Netzwerkveranstaltungen oder bestehende Geschäftskontakte.
Ausnahmen von der Konsortialregel gibt es beim EIC Accelerator, wo auch Einzelunternehmen antragsberechtigt sind, sowie bei einigen ERC- und MSCA-Programmen, die Einzelforscher fördern.
Fördersätze und Ko-Finanzierung
Die Förderquoten bei Horizon Europe variieren je nach Organisationstyp und Aktivitätsart. Forschungs- und Innovationsmaßnahmen (Research and Innovation Actions, RIA) werden für Universitäten und Forschungseinrichtungen typischerweise zu 100% gefördert. Für Unternehmen gilt in der Regel eine Förderquote von 70% der förderfähigen Kosten für Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.
Bei Innovationsmaßnahmen (Innovation Actions, IA), die näher am Markt sind, liegt die Förderquote für alle Teilnehmer bei 70%. KMU können jedoch unter bestimmten Bedingungen eine höhere Förderquote von bis zu 100% erhalten, insbesondere bei nicht-gewinnorientierten Aktivitäten.
Ein praktisches Beispiel: Ein mittelständisches Unternehmen aus der Medizintechnik mit einem Projektbudget von 500.000 Euro erhält bei 70% Förderung 350.000 Euro EU-Zuschuss und muss 150.000 Euro selbst aufbringen. Diese Eigenmittel können aus eigenen Ressourcen oder ergänzenden nationalen Förderungen stammen. Viele Bundesländer bieten Ko-Finanzierungsprogramme speziell für Horizon Europe-Projekte an.
Der Weg zur Antragstellung: Von der Idee zum eingereichten Proposal
Calls identifizieren und verstehen
Horizon Europe arbeitet mit einem Call-System: Die Europäische Kommission veröffentlicht regelmäßig Ausschreibungen zu spezifischen Themen. Das mehrjährige Arbeitsprogramm wird jährlich aktualisiert und definiert thematische Prioritäten, Budgets und Bewertungskriterien.
Die Calls finden Sie auf dem Funding & Tender Opportunities Portal der EU. Dort können Sie nach Themen, Fristen und Stichworten filtern. Jeder Call enthält detaillierte Topic-Beschreibungen, die genau definieren, welche Lösungsansätze gesucht werden, welche erwarteten Wirkungen erzielt werden sollen und welche spezifischen Anforderungen gelten.
Für ein erfolgreiches Proposal ist es entscheidend, dass Ihre Projektidee exakt zur Topic-Beschreibung passt. Ein häufiger Fehler ist, ein bestehendes Projektkonzept "passend zu machen", anstatt vom Call-Text auszugehen. Nehmen Sie sich Zeit, die Ausschreibungsunterlagen gründlich zu studieren.
Konsortialbildung und Partnersuche
Die Zusammenstellung des richtigen Konsortiums ist erfolgskritisch. Sie benötigen Partner, die komplementäre Kompetenzen einbringen und gemeinsam die gesamte Wertschöpfungskette des Projekts abdecken – von der Grundlagenforschung über Technologieentwicklung bis zur Markteinführung.
Nutzen Sie für die Partnersuche Plattformen wie das Enterprise Europe Network, die Partnersuchfunktion im Funding & Tender Portal oder themenspezifische Netzwerke. Viele Calls haben auch Info Days oder Brokerage Events, bei denen potenzielle Partner zusammenkommen. Die Nationale Kontaktstelle (NKS) in Deutschland bietet ebenfalls Unterstützung bei der Partnersuche.
Ein ausgewogenes Konsortium kombiniert beispielsweise: eine deutsche Universität für die Grundlagenforschung, ein französisches Forschungszentrum für angewandte Entwicklung, ein deutsches KMU für Prototypenbau und ein spanisches Großunternehmen für Pilotierung und Verbreitung. Die Rollen sollten klar definiert und die Arbeitsaufteilung ausgewogen sein.
Proposal-Erstellung
Das Proposal besteht aus drei Hauptteilen, die unterschiedlich gewichtet werden: Excellence (Exzellenz der Projektidee), Impact (erwartete Wirkungen) und Implementation (Umsetzungsqualität). Die Bewertung erfolgt durch unabhängige Experten anhand dieser Kriterien mit einer Punkteskala von 0 bis 5.
Der Excellence-Teil muss die wissenschaftlich-technische Qualität und Innovation Ihres Ansatzes überzeugend darstellen. Beschreiben Sie klar, wie Ihr Projekt über den Stand der Technik hinausgeht. Der Impact-Teil erfordert eine fundierte Darstellung der erwarteten Wirkungen – nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch. Zeigen Sie konkret auf, wie Ihre Ergebnisse zur Lösung der im Call beschriebenen Herausforderung beitragen.
Der Implementation-Teil umfasst Arbeitspläne, Konsortialzusammensetzung, Risikomanagement und Budget. Hier zählen Realismus und Professionalität. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Arbeitsplan: Definieren Sie klare Work Packages mit messbaren Deliverables und Milestones. Ein typisches dreijähriges Projekt könnte 6-8 Work Packages haben, die logisch aufeinander aufbauen.
Budgetplanung
Das Budget muss realistisch und gut begründet sein. Förderfähige Kosten umfassen direkte Personalkosten, Unterauftragsvergaben, Reisekosten, Equipment und eine Pauschale von 25% für indirekte Kosten. Planen Sie ausreichend Ressourcen ein – Unterbudgetierung ist ein häufiger Fehler, der zur Ablehnung oder zu Problemen in der Umsetzung führt.
Ein deutscher Projektpartner sollte beispielsweise für einen leitenden Forscher mit 1.000 Arbeitsstunden kalkulieren. Bei einem Stundensatz von 80 Euro (basierend auf Bruttogehalt plus Gemeinkosten) ergeben sich 80.000 Euro direkte Personalkosten. Hinzu kommen 20.000 Euro Pauschale für indirekte Kosten, ergibt insgesamt 100.000 Euro für diese Position.
Strategische Überlegungen: Horizon Europe im Kontext anderer EU-Programme
Horizon Europe ist das größte, aber nicht das einzige EU-Förderprogramm für Innovation und Forschung. Eine strategische Gesamtbetrachtung kann Ihre Erfolgschancen erheblich verbessern.
Synergien mit anderen EU-Programmen nutzen
Das Programm Digital Europe (7,5 Milliarden Euro) fokussiert auf die großflächige Einführung digitaler Technologien. Während Horizon Europe die Entwicklung innovativer KI-Algorithmen fördert, unterstützt Digital Europe deren Anwendung in europäischen Unternehmen durch Digital Innovation Hubs. Ein deutscher Mittelständler könnte zunächst über Horizon Europe eine Technologie entwickeln und deren Verbreitung dann über Digital Europe skalieren.
Das LIFE-Programm (5,4 Milliarden Euro) konzentriert sich auf Umwelt- und Klimaschutz. Projekte mit starkem Umweltfokus sollten prüfen, ob LIFE mit seinen niedrigeren Konsortialanforderungen (teilweise auch Einzelantragsteller möglich) und seinem Fokus auf Demonstrationsprojekte nicht besser geeignet ist als Horizon Europe.
Innovate Europe (ehemals InvestEU) bietet Finanzierungsinstrumente wie Darlehen und Garantien, die Horizon Europe-Zuschüsse ergänzen können. Ein Unternehmen, das über den EIC Accelerator einen Zuschuss erhält, kann zusätzliche Fremdfinanzierung über InvestEU-gestützte Instrumente mobilisieren.
Regionale und nationale Komplementärfinanzierung
Viele deutsche Bundesländer haben spezielle Programme zur Ko-Finanzierung von EU-Projekten. Nordrhein-Westfalen bietet beispielsweise über das Programm "Leitmarktwettbewerb" Ergänzungsfinanzierung für Horizon Europe-Projekte. Bayern unterstützt über "Bayern Innovativ" die Antragstellung und Ko-Finanzierung.
Auch Bundesprogramme wie das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) können strategisch kombiniert werden. Ein KMU könnte zunächst über ZIM eine nationale Vorstudie finanzieren und dann mit diesen Ergebnissen ein europäisches Konsortium für ein Horizon Europe-Projekt aufbauen.
Thematische Schwerpunktsetzung bis 2027
Horizon Europe hat klare thematische Prioritäten für die verbleibende Laufzeit: Der European Green Deal prägt viele Calls mit Fokus auf Klimaneutralität bis 2050. Die digitale Transformation ist ein zweiter Megatrend. Gesundheit – beschleunigt durch die COVID-19-Erfahrung – bleibt hochpriorisiert.
Besonders erfolgversprechend sind Projekte, die mehrere dieser Prioritäten verbinden: eine KI-Lösung für energieeffiziente Gebäude kombiniert Digitalisierung und Green Deal; eine Telemedizin-Plattform für ländliche Regionen verbindet Gesundheit, Digitalisierung und territoriale Kohäsion.
Missionen und Partnerschaften: Neue Formate in Horizon Europe
Horizon Europe hat zwei innovative Formate eingeführt, die besondere Aufmerksamkeit verdienen: EU-Missionen und Europäische Partnerschaften.
Die fünf EU-Missionen
Missionen sind große, zielorientierte Initiativen mit gesellschaftlicher Relevanz und konkreten Zielvorgaben bis 2030:
- Anpassung an den Klimawandel: Mindestens 150 europäische Regionen klimaresilient machen
- Krebs: Drei Millionen Leben durch Prävention, Heilung und bessere Lebensqualität retten
- Klimaneutrale und intelligente Städte: 100 klimaneutrale Städte bis 2030
- Gesunde Ozeane, Meere und Küsten: Regeneration der europäischen Gewässer
- Bodengesundheit und Ernährung: 75% der Böden in der EU gesund machen
Für deutsche Akteure bieten Missionen besondere Chancen: Deutsche Städte wie München, Frankfurt oder Mannheim sind Teil der Mission für klimaneutrale Städte und können von speziellen Fördercalls profitieren. Ein deutsches Unternehmen für Smart-City-Technologien hat hier exzellente Möglichkeiten, seine Lösungen in einem ambitionierten europäischen Rahmen zu demonstrieren.
Missionen kombinieren Forschungsförderung mit regulatorischen Maßnahmen und Investitionen. Sie bieten oft vereinfachte Beteiligungsmöglichkeiten für Kommunen, Bürger und kleinere Organisationen, die bei klassischen Horizon-Calls schwer Zugang finden.
Europäische Partnerschaften
Partnerschaften bündeln europäische, nationale und private Investitionen in strategischen Bereichen. Es gibt drei Typen: Ko-programmierte Partnerschaften (mit Industrieverbänden), Ko-finanzierte Partnerschaften (mit Mitgliedstaaten) und institutionalisierte Partnerschaften (Joint Undertakings).
Besonders relevant für deutsche Unternehmen sind Partnerschaften wie:
- Key Digital Technologies Joint Undertaking: Mikroelektronik, eingebettete Systeme – ideal für deutsche Halbleiter- und Elektronikunternehmen
- Clean Hydrogen Partnership: Wasserstofftechnologien – hochrelevant für die deutsche Energiewirtschaft und Automobilindustrie
- Circular Bio-based Europe: Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft – Chancen für Chemie- und Verarbeitungsindustrie
Partnerschaften entwickeln oft mehrjährige strategische Forschungsagenden und bieten vorhersehbarere Fördermöglichkeiten. Deutsche Branchenverbände wie ZVEI, VCI oder VDMA sind häufig in diese Partnerschaften eingebunden und können Unternehmen bei der Orientierung unterstützen.
Erfolgsfaktoren und häufige Fehler: Praktische Tipps für Antragsteller
Was erfolgreiche Proposals auszeichnet
Die Evaluierung tausender Horizon-Proposals hat wiederkehrende Erfolgsfaktoren identifiziert. Erstens: Exzellente Proposals gehen exakt auf die Call-Anforderungen ein. Sie verwenden die Terminologie der Ausschreibung und zeigen punktgenau auf, wie jeder geforderte Aspekt adressiert wird. Erstellen Sie eine Compliance-Matrix, die jeden Punkt des Call-Texts mit dem entsprechenden Proposal-Abschnitt verknüpft.
Zweitens: Überzeugende Proposals erzählen eine kohärente Geschichte. Von der Problemanalyse über die Lösungsentwicklung bis zur Wirkungsentfaltung sollte ein roter Faden erkennbar sein. Vermeiden Sie eine bloße Aneinanderreihung technischer Details. Stattdessen: Führen Sie den Evaluator durch eine logische Argumentation, warum gerade Ihr Ansatz die optimale Lösung ist.
Drittens: Erfolgreiche Konsortien zeigen Komplementarität und Track Record. Jeder Partner bringt unverzichtbare Expertise ein, und idealerweise haben Konsortialpartner bereits früher erfolgreich zusammengearbeitet. Betonen Sie sowohl die individuellen Excellenzen als auch die Synergie des Teams.
Viertens: Der Impact-Teil muss konkret und messbar sein. Statt vage von "signifikanten Verbesserungen" zu sprechen, quantifizieren Sie: "Reduktion des Energieverbrauchs um 30% gegenüber State-of-the-Art" oder "Markteinführung bei mindestens 50 europäischen Krankenhäusern innerhalb von drei Jahren nach Projektende". Definieren Sie auch, wie Sie diese Wirkungen messen werden (Key Performance Indicators).
Häufige Fehler vermeiden
Umgekehrt gibt es typische Fehler, die Proposals scheitern lassen. Der häufigste Fehler ist mangelnde Passung zum Call. Viele Antragsteller versuchen, ihr Wunschprojekt in einen Call "hineinzupressen", anstatt vom Call-Text auszugehen. Seien Sie ehrlich: Wenn Ihre Projektidee nicht wirklich passt, investieren Sie Ihre Energie besser in einen passenderen Call.
Ein weiterer kritischer Fehler ist ein unausgewogenes Konsortium. Zu viele Partner verwässern die Rollen und komplizieren das Management. Zu wenige Partner decken nicht die nötige Expertise ab. Die optimale Konsortialgrößen liegt meist bei 5-10 Partnern für Research and Innovation Actions. Vermeiden Sie auch regionale Ungleichgewichte – ein Konsortium mit sieben deutschen und einem französischen Partner wird kritisch gesehen.
Budgetfehler sind ebenfalls häufig: Sowohl Über- als auch Unterbudgetierung sind problematisch. Überbudgetierung lässt das Projekt ineffizient erscheinen, Unterbudgetierung weckt Zweifel an der Realisierbarkeit. Orientieren Sie sich an vergleichbaren geförderten Projekten (die Kommission veröffentlicht Listen erfolgreicher Projekte mit Budgetangaben).
Schließlich: Unterschätzen Sie nicht den Zeitaufwand. Ein wettbewerbsfähiges Proposal erfordert typischerweise 3-6 Monate Vorbereitung für Partnersuche, Konzeptentwicklung und Schreibarbeit. Last-minute-Anträge sind fast nie erfolgreich. Planen Sie realistisch und beginnen Sie frühzeitig.
Unterstützungsangebote nutzen
Sie müssen den Weg nicht allein gehen. Deutschland verfügt über ein exzellentes Unterstützungssystem: Die Nationalen Kontaktstellen (NKS) bieten kostenlose Beratung zu allen Horizon Europe-Themen. Es gibt spezialisierte NKS für jeden thematischen Cluster, für KMU-spezifische Fragen und für Querschnittsthemen.
Das Enterprise Europe Network (EEN) unterstützt besonders KMU bei Partnersuche und Antragstellung. Viele Industrie- und Handelskammern sind Teil des EEN. Die EU-Geschäftsstellen der Bundesländer in Brüssel bieten ebenfalls Beratung und Vernetzung.
Für komplexe Proposals ziehen viele Organisationen professionelle Proposal-Berater hinzu. Diese Kosten können als "Proposal preparation costs" teilweise in das Projektbudget eingerechnet werden. Achten Sie dabei auf Berater mit nachgewiesenem Track Record bei Horizon-Projekten.
Fazit: Horizon Europe als strategische Chance für deutsche Organisationen
Horizon Europe ist weit mehr als ein Förderprogramm – es ist eine strategische Plattform für europäische Zusammenarbeit, Wissenstransfer und Innovation. Mit 95,5 Milliarden Euro bietet es deutschen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und anderen Organisationen außergewöhnliche Möglichkeiten zur Finanzierung ambitionierter Projekte, die national kaum realisierbar wären.
Die Drei-Säulen-Struktur – Wissenschaftsexzellenz, Globale Herausforderungen und Innovatives Europa – deckt das gesamte Spektrum von Grundlagenforschung bis marktnaher Innovation ab. Für jeden Innovationsreifegrad und jede Organisationsgröße existieren passende Förderlinien. Besonders KMU profitieren von spezifischen Instrumenten wie dem EIC Accelerator und von erhöhten Förderquoten in vielen Programmteilen.
Der Zugang zu Horizon Europe erfordert jedoch sorgfältige Vorbereitung. Die Konsortialbildung, die präzise Ausrichtung an Call-Anforderungen und die professionelle Proposal-Erstellung sind anspruchsvoll, aber mit den richtigen Ressourcen und Unterstützungsstrukturen gut zu bewältigen. Deutsche Organisationen haben historisch sehr erfolgreich abgeschnitten – diesen Erfolg können Sie fortsetzen.
Betrachten Sie Horizon Europe im Kontext des gesamten EU-Förderportfolios. Synergien mit Programmen wie Digital Europe, LIFE oder regionalen Strukturfonds können Ihre Gesamtstrategie stärken. Die neuen Formate – Missionen und Partnerschaften – bieten zusätzliche Einstiegspunkte und oft auch vereinfachte Beteiligungsmöglichkeiten.
Der wichtigste Schritt ist der erste: Befassen Sie sich frühzeitig mit dem Programm, nutzen Sie die Beratungsangebote, besuchen Sie Informationsveranstaltungen und beginnen Sie mit dem Aufbau eines europäischen Netzwerks. Auch wenn Ihr erster Antrag nicht erfolgreich sein sollte – die Lernkurve ist steil, und viele erfolgreiche Teilnehmer berichten, dass ihr zweiter oder dritter Antrag bewilligt wurde.
Horizon Europe läuft bis 2027, aber die Vorbereitung für Nachfolgeprogramme beginnt bereits. Wer jetzt Erfahrung sammelt, positioniert sich optimal für die Zukunft der europäischen Forschungsförderung. Die Investition in Know-how-Aufbau zahlt sich vielfach aus – nicht nur durch Fördermittel, sondern auch durch wertvolle Partnerschaften, Zugang zu Spitzenforschung und Stärkung der eigenen Innovationskraft.